Frankfurt Westside Story

Wenn man in Frankfurt eine hippe neue Location aufmachen will, sucht man sich einfach irgendwo auf einem heruntergekommenen Industriegelände ein schönes Areal heraus, vertreibt die Penner und Drogensüchtigen und strahlt die verfallenen Gebäude mit bunten Lichtern an. Dann stellt man ein paar Liegestühle und einen Food Truck auf, verkauft sündteure Getränke und gibt dem Ganzen einen englisch klingenden Namen. So wie zum Beispiel im „Frankfurt Westside“, wo wir letztes Wochenende ganz spontan den ersten warmen Sommertag nutzen wollten, um uns dort einmal das „Westcoast Cinema“ anzuschauen, ein Freiluftkino in dem sie an diesem Abend „The Substance“ vorgeführt haben.

The Substance“ ist ein oscarnominierter Film aus dem Jahr 2024, in dem auf „satirische Art“ irgendwie auf den Jugendkult im Hollywood-Business aufmerksam gemacht werden soll und der dann zum Ende hin in einer wüsten Splatter-Orgie gipfelt, die mich irgendwie tatsächlich auch an meine eigene Jugend erinnert, in der wir uns mit viel Alkohol und jugendlicher Begeisterung so „satirische“ Werke wie „Braindead“ oder „Tanz der Teufel“ reingezogen hatten. Damals wurde sowas halt nur noch nicht unter dem Fachbegriff der satirisch überspitzten Geselschaftskritik vermarktet sondern einfach nur als Schund bezeichnet. Kann man machen, aber wenn die olle Demi Moore für so eine Albernheit in diesem Jahr auch noch einen Oscar bekommen sollte, dann dürfte für „Das Kanu des Manitu“ zumindest mal eine Nominierung rausspringen.

Ich kann mich übrigens noch ganz schwach an einen Besuch vor vielen Jahren in einem Mainzer Kino erinnern (ich glaube, es wurde irgend etwas Altkluges von Fatih Akin gezeigt), in dem eine ältere distinguierte Dame ihrer Nebensitzerin jede einzelne Szene mit Kommentaren wie „Huch, der hat ein Messer!“ oder „Jetzt ersticht er sie!“ erklärt hatte. Damals hatte mich die Störung eher verärgert, inzwischen schaue ich mit deutlich milderem Blick auf dieses Ereignis zurück, da die armen medienungeübten Frauen ja damals noch gar nicht wissen konnten, dass da vorne über die Leinwand keine echten Menschen, sondern nur Aufzeichnungen von Schauspielern huschten. Meine Urgroßmutter hatte schließlich auch noch nicht verstanden, wie die Leute in den kleinen Kasten da in ihrem Wohnzimmer hineingelangen konnten. Vermutlich hatte sie, ganz warmherzige Urgroßmutter wie man sie sich eben so vorstellt, auch hin und wieder mal Vogelfutter in die Lüftungsschlitze gestreut, um sie am Leben zu halten.

Deutlich irritierender ist es, wenn heutzutage schon junge Damen die Angewohnheit zeigen, unbedingt jede einzelne Szene eines Kinofilms kommentieren zu müssen, so wie die beiden da schräg hinter uns im hippen Frankfurter Freilichtkino. Ich will nicht ausschließen, dass dies eventuell aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit geschah, weil die eine der Beiden vielleicht blind oder aufgrund zu ausgiebigen Handy-Konsums oder einer heimlichen Leidenschaft für das Hobby der Spitzenstickerei bei schwachem Kerzenschein stark kurzsichtig geworden ist, aber ich meine auch irgendwo eine Studie aufgeschnappt zu haben, in der behauptet wurde, dass der durchschnittliche IQ der westlichen Weltbevölkerung seit dem Jahr 1976 besorgniserregend stark am Sinken ist. Und da ich als Mitglied dieses ersten „Idiocrazy“-Jahrgangs schon manchmal selbst an meinen geistigen Fähigkeiten zweifle, will ich mir gar nicht ausmalen wie schwer das Leben erst für einen Menschen sein muss, der ein ganzes Vierteljahrhundert dümmer geboren ist als ich. So einem bedauernswersten Wesen möchte man aus lauter Mitleid am liebsten eine Handvoll Vogelfutter vor die Füße streuen, um ihm zumindest ein kleines bisschen über die Runden zu helfen.